Selbsthilfegruppe Erektile Dysfunktion (Impotenz)

Erektionsstörung: Ursachen, Behandlung, Kosten, Erfahrungen - von Betroffenen

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Anja und Michael

Anja:

"… immer wieder kreisten meine Gedanken nur um eins - was hatte ich falsch gemacht, um ihm den Anlass zu geben, sich so von mir abzuwenden. Er nahm mich kaum noch in den Arm, gab mir nur noch flüchtige Küsse und wenn ich mehr wollte, schob er mich unter irgendeinem Vorwand weg. Dabei hatte alles so schön angefangen und ich war mir so sicher gewesen, dass wir wirklich gut zusammen­passen. Letztendlich musste ich ihn einfach danach fragen, was los ist. Irgendwie hatte ich einen vagen Verdacht, dass er mit allen Mitteln versuchte, etwas vor mir zu verheimlichen. Etwas, das er mir einfach nicht sagen konnte. Ich fand es schließlich über Umwege selber heraus …"

Michael:

Ich bin Diabetiker. Ich habe so ziemlich zur selben Zeit zwei Dinge kennen gelernt, die mein Leben völlig auf den Kopf gestellt haben - meine Freundin und die erektile Dysfunktion (ED). Die erste Zeit lief&xnbsp; alles ganz normal und wir genossen unser Zusammensein.&xnbsp; Nach einigen Wochen bemerkte ich, dass ich doch ab und zu ziemliche Schwierigkeiten hatte, eine Erektion zu bekommen, obwohl die Gefühle und die Erregung dafür durchaus da waren. Ich wusste, dass ich das nicht vor meiner Freundin verbergen kann, aber ich konnte auch nicht mit ihr darüber reden. Ich wollte nicht, dass sie es mitbekommt und so begann ich, ihre Zärtlichkeiten abzuweisen. Sie ließ mich aber nicht "in Ruhe", der einzige Ausweg, den ich sah, war, immer wieder unsere Treffen kurzfristig wegen irgendwelcher angeblich wichtigeren Dinge abzusagen. Ich zog mich immer mehr zurück. Völlig beschäftigt mit meinem Problem merkte ich gar nicht, wie sehr sie darunter litt. Sie wusste ja gar nicht, warum ich vor allem dem intimen Bereich unserer Beziehung ganz aus dem Weg ging. Ich hatte Angst vor ihrer Reaktion. Ich wollte sie nicht verlieren, aber wer will schon einen Mann, der nicht kann.

Dass ihr die Situation zwangsläufig zu viel wurde, war klar, und nach einigen Wochen kam sie zu mir und sagte mir, ich soll endlich mein Verhalten erklären. In meiner Verzweiflung versuchte ich, die richtigen Worte zu finden, aber ich brachte nichts heraus. Und so nahm ich sie einfach in den Arm und ließ es sie selber herausfinden, was mit mir nicht stimmt. Ich hatte damit gerechnet, dass sie geschockt sein und wortlos gehen würde, oder dass sie eine abfällige Bemerkung darüber machen würde - ich erwartete einfach eine negative Reaktion. Umso überraschter war ich, dass sie die Tatsache der fehlenden Erektion einfach ignorierte. Wir verbrachten ein paar sehr schöne Stunden miteinander, obwohl ich nicht mit ihr schlafen konnte. Danach bat sie mich, ihr zu erklären, woher meine Erektionsstörungen kommen. Es war ein sehr offenes Gespräch und es tat mir so gut, endlich meine Probleme mit jemandem teilen zu können. Ich erklärte ihr, dass es mit meinem Diabetes zusammenhängt und die Erektionsfähigkeit mit der Zeit immer weniger werden würde. Und ich sagte ihr auch, dass ich es verstehen könnte, wenn sie sich trennen möchte. Sie hat mich nur ganz groß angeschaut und mir gesagt, dass es für sie keinen Grund gibt, sich von mir zu trennen.

Wir sind immer noch zusammen. Wir haben sehr viele neue und schöne Wege gefunden, ein ganz normales Sexualleben zu führen, das uns beide völlig erfüllt. Die ED ist dabei kein Hindernis, im Gegenteil - es ist jetzt anders, aber doch viel intensiver und gefühlvoller. Wir benutzen bewusst keine Hilfsmittel. Darüber haben wir uns auch sehr lange unterhalten, sind aber zu dem Schluss gekommen, dass es auch ohne Hilfsmittel möglich ist, ein sehr erfülltes Sexualleben zu führen.

Momentan bin ich noch in der Lage, eine Erektion zu bekommen, aber länger als ein paar Minuten kann ich sie nicht mehr halten. Zum miteinander schlafen reicht es aber nicht mehr. Bedingt durch meinen Diabetes und die damit verbundene Polyneuropathie wird die Erektion immer schwächer und irgendwann auch mal ganz ausbleiben. Aber davor habe ich keine Angst mehr.

Die Idee, hier über uns und unsere gemeinsamen Erfahrungen mit ED zu schreiben, hatte meine Freundin. Eigentlich wollte ich zuerst gar nicht, aber ich denke, dass es sehr viele Männer gibt, denen es so geht, wie es mir ging. Die ED totzuschweigen, seine Probleme und Ängste in sich hinein zu fressen, sind keine Lösung. Darunter leiden beide. Eine ED muss nicht das Ende der Beziehung sein. Sich der Partnerin anzuvertrauen, fällt sehr schwer, aber es ist wichtig, das zu tun. Es ist ein Problem, das beide betrifft und es muss geteilt werde. Alleine kann man nicht damit fertig werden. Es ist sehr wichtig, offen darüber zu reden. Das geht mit der Zeit auch, wenn erst einmal das Vertrauen da ist, sich mitzuteilen. Es gibt von beiden Seiten Fragen und Wünsche, da am Anfang beide Partner nicht wissen, wie sie am besten damit umgehen sollen.

Wir beide hoffen sehr, dass wir anderen Betroffenen mit unserer Geschichte helfen und Mut machen können, das Schweigen zu brechen.